Neues aus dem "Kriegsgebiet"
am Donnerstag, 15. Januar 2009, 18:04 im Topic 'Israel'
Anlässlich der andauernden israelischen Bodenoffensive in Gaza und natürlich, weil ich oft auf das Thema angesprochen wurde, hier ein paar Bemerkungen zum Leben im "Kriegsgebiet Israel".
Wenn man einfach nur durch Tel Aviv läuft, ohne mit den Menschen zu reden, ohne die "chadaschot" im Bus zu hören und ohne einen Blick auf die Titelblätter der Zeitungen zu werfen, ahnt man: Nichts. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet, in Eilat ausgeruht und in Tel Aviv gefeiert. Auch wenn das ein bisschen pauschal ist, leben die meisten Menschen in Tel Aviv ihr Leben weiter, als ob nicht 50, 60 Kilometer weiter südlich gekämpft und gestorben würde. Aber warum auch nicht? Das Leben muss schließlich weiter gehen, insbesondere die (übrigens trotz der Keise überdurchschnittlich erfolgreiche) Wirtschaft muss aufrecht erhalten werden, und man sagt, erst, wenn Bomben oder Attentate Tel Aviv selbst erreichen, hat der Krieg das Herz Israels getroffen. Das ist bisher glücklicherweise nicht der Fall, und so leben wir hier in einer Blase: Weit genug weg von Gaza und Libanon, in einer lebhaften Stadt, in der die Menschen shoppen gehen, in Cafés und Bars sitzen und an sonnigen Tagen im Meer baden oder am Strand liegen. Auf den Straßen ist nicht mehr Polizei oder Armee als sonst zu sehen, die Eingangskontrollen in Einkaufszentren, Bürohäusern oder am Markt sind ebenso wenig gewissenhaft wie zuvor, und wenn ich an unseren Grillnachmittag denke, kommt mir die Situation in Gaza wie die in einer Parallelwelt vor. Der einzige Unterschied: Einige Autos haben, so wie in Deutschland während der WM, Israel-Flaggen an den Fenstern befestigt. Aber auch das hält sich sehr in Grenzen.
Andererseits habe ich doch einige Beispiele mitbekommen, an denen ich gemerkt habe: Es tut sich was, unter der Oberfläche. Nachdem die ersten Tage der Offensive im Büro weitgehend unkommentiert geblieben waren, ist die Stimmung langsam aber sicher schlechter geworden. Es wurde diskutiert über Chancen und Perspektiven des israelischen Einmarsches, über die Äußerungen von Hamas und Hisbollah, und worüber sich die Büromannschaft am meisten aufgeregt hat, war die europäische Berichterstattung über den Konflikt und die Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft. Mittlerweile ist das Thema wieder weitgehend ad acta gelegt worden, weil es zum Alltag gehört wie zuvor der Raketenbeschuss der israelischen Siedlungen im Süden.
An den letzten Wochenenden hat öfters Lioras Schwester mit ihren Kindern bei uns geschlafen. Sie kommen aus einem kleinen Dorf im Süden, und vor ein paar Wochen ist ein Haus in ihrer Straße von einer Kassam-Rakete getroffen worden. Vor allem der psychische Druck scheint krass zu sein: Jade, die Tochter, musste erst mal kotzen, als sie hier angekommen war.
Bea und Grisha aus dem Büro haben erzählt, dass ihre Kinder Vertreungsstundenpläne aus der Schule mit nach Hause gebracht haben, weil einige Lehrer zur Armee eingezogen wurden. (in Israel sind alle Männer bis 45 Jahre Reservisten und müssen auch ein Mal pro Jahr einige Wochen lang zur Übung antreten. Die Frauen können sich leichter drücken, vor allem, wenn sie Kinder haben). Im Gegenzug scheint es ein Programm zu geben, in dem Kinder aus dem Süden in die Tel Aviver Region geschickt werden, weil sie hier sicher sind und zur Schule und in den Kindergarten gehen können.
Das letzte Beispiel stammt von Tal, meiner Tandempartnerin: Sie hat mir erzählt, dass bei ihr in der Uni einige Seminare ausfallen, weil viele Jungs und einige Mädels eingezogen wurden, und die Klassen nun so klein sind, dass sich der Unterricht nicht mehr lohnt.
Das sind natürlich alles Veränderungen, aber ich glaube, dass auch das in gewisser Hinsicht noch Normalität bedeutet, zumindest für die Leute in Tel Aviv. Es ist schließlich - so doof das klingt - nicht das erste Mal, dass sich Israel im Krieg befindet, und deshalb sind die Menschen das Prozedere gewöhnt. Und immerhin ist es momentan ja nicht so schlimm wie im Golfkrieg, als der Irak (?) tatsächlich auch Tel Aviv bombardiert hat und die Leute hier in Luftschutzbunkern saßen. Ich selbst fühle mich hier, toi toi toi, wirklich sicher und beobachte die Ereignisse eher mit Interesse und Neugier als verängstigt. Und frustriert, denn ein Ende der Gewalt, von beiden Seiten, ist ja nicht wirklich in Sicht.
Wenn man einfach nur durch Tel Aviv läuft, ohne mit den Menschen zu reden, ohne die "chadaschot" im Bus zu hören und ohne einen Blick auf die Titelblätter der Zeitungen zu werfen, ahnt man: Nichts. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet, in Eilat ausgeruht und in Tel Aviv gefeiert. Auch wenn das ein bisschen pauschal ist, leben die meisten Menschen in Tel Aviv ihr Leben weiter, als ob nicht 50, 60 Kilometer weiter südlich gekämpft und gestorben würde. Aber warum auch nicht? Das Leben muss schließlich weiter gehen, insbesondere die (übrigens trotz der Keise überdurchschnittlich erfolgreiche) Wirtschaft muss aufrecht erhalten werden, und man sagt, erst, wenn Bomben oder Attentate Tel Aviv selbst erreichen, hat der Krieg das Herz Israels getroffen. Das ist bisher glücklicherweise nicht der Fall, und so leben wir hier in einer Blase: Weit genug weg von Gaza und Libanon, in einer lebhaften Stadt, in der die Menschen shoppen gehen, in Cafés und Bars sitzen und an sonnigen Tagen im Meer baden oder am Strand liegen. Auf den Straßen ist nicht mehr Polizei oder Armee als sonst zu sehen, die Eingangskontrollen in Einkaufszentren, Bürohäusern oder am Markt sind ebenso wenig gewissenhaft wie zuvor, und wenn ich an unseren Grillnachmittag denke, kommt mir die Situation in Gaza wie die in einer Parallelwelt vor. Der einzige Unterschied: Einige Autos haben, so wie in Deutschland während der WM, Israel-Flaggen an den Fenstern befestigt. Aber auch das hält sich sehr in Grenzen.
Andererseits habe ich doch einige Beispiele mitbekommen, an denen ich gemerkt habe: Es tut sich was, unter der Oberfläche. Nachdem die ersten Tage der Offensive im Büro weitgehend unkommentiert geblieben waren, ist die Stimmung langsam aber sicher schlechter geworden. Es wurde diskutiert über Chancen und Perspektiven des israelischen Einmarsches, über die Äußerungen von Hamas und Hisbollah, und worüber sich die Büromannschaft am meisten aufgeregt hat, war die europäische Berichterstattung über den Konflikt und die Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft. Mittlerweile ist das Thema wieder weitgehend ad acta gelegt worden, weil es zum Alltag gehört wie zuvor der Raketenbeschuss der israelischen Siedlungen im Süden.
An den letzten Wochenenden hat öfters Lioras Schwester mit ihren Kindern bei uns geschlafen. Sie kommen aus einem kleinen Dorf im Süden, und vor ein paar Wochen ist ein Haus in ihrer Straße von einer Kassam-Rakete getroffen worden. Vor allem der psychische Druck scheint krass zu sein: Jade, die Tochter, musste erst mal kotzen, als sie hier angekommen war.
Bea und Grisha aus dem Büro haben erzählt, dass ihre Kinder Vertreungsstundenpläne aus der Schule mit nach Hause gebracht haben, weil einige Lehrer zur Armee eingezogen wurden. (in Israel sind alle Männer bis 45 Jahre Reservisten und müssen auch ein Mal pro Jahr einige Wochen lang zur Übung antreten. Die Frauen können sich leichter drücken, vor allem, wenn sie Kinder haben). Im Gegenzug scheint es ein Programm zu geben, in dem Kinder aus dem Süden in die Tel Aviver Region geschickt werden, weil sie hier sicher sind und zur Schule und in den Kindergarten gehen können.
Das letzte Beispiel stammt von Tal, meiner Tandempartnerin: Sie hat mir erzählt, dass bei ihr in der Uni einige Seminare ausfallen, weil viele Jungs und einige Mädels eingezogen wurden, und die Klassen nun so klein sind, dass sich der Unterricht nicht mehr lohnt.
Das sind natürlich alles Veränderungen, aber ich glaube, dass auch das in gewisser Hinsicht noch Normalität bedeutet, zumindest für die Leute in Tel Aviv. Es ist schließlich - so doof das klingt - nicht das erste Mal, dass sich Israel im Krieg befindet, und deshalb sind die Menschen das Prozedere gewöhnt. Und immerhin ist es momentan ja nicht so schlimm wie im Golfkrieg, als der Irak (?) tatsächlich auch Tel Aviv bombardiert hat und die Leute hier in Luftschutzbunkern saßen. Ich selbst fühle mich hier, toi toi toi, wirklich sicher und beobachte die Ereignisse eher mit Interesse und Neugier als verängstigt. Und frustriert, denn ein Ende der Gewalt, von beiden Seiten, ist ja nicht wirklich in Sicht.
hierunddort,
Donnerstag, 15. Januar 2009, 23:18
ein bisschen gänsehaut... danke für deine eindrücke.
noch ein lesetipp zum donnerstagabend:
http://www.zeit.de/2009/03/Muetter-03
lg
noch ein lesetipp zum donnerstagabend:
http://www.zeit.de/2009/03/Muetter-03
lg
papa droege,
Freitag, 16. Januar 2009, 19:35
...da kann man wirklich nachdenklich werden, wenn sich Leben und Tod bei täglicher Bedrohung begegnen können, auch wenn das "Leben weiter gehen muß". Welche Erinnerungen werden die traumatisierten Kinder evtl. niemals ablegen - trotzdem oder gerade deshalb gibt es keine Alternative zum Frieden!
