Julia unterwegs
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Samstag, 17. Januar 2009
Time to say good-bye
Nun kommt das, was am schwersten ist an einer schönen, aber befristeten Zeit. Nicht die Ankunft am Flughafen in der Nacht, nicht die Orientierungslosigkeit der ersten Tage, auch nicht der erste Praktikumstag, die Zeiten, wo man beim Sightseeing gerne nicht allein wäre oder wenn man krank im Bett liegt und sich nach Hause wünscht. Sondern das Abschiednehmen. Das fällt mir diesmal wirklich ziemlich schwer. Abschied von der verrückten Büromannschaft (siehe unten, v. l. n. r.: Grisha, der Geschäftsführer, Claudia und Michel, stellv. Geschäftsführer),



dem tollen Meerblick, dem Meer selbst, einer interessanten und kunterbunten Stadt, in der ich mich sofort wohl gefühlt habe und die ich noch längst nicht genug erkundet habe, von einem Land, das längst nicht so eindimensional ist wie man glaubt und das trotz der ganzen Probleme auch ein bisschen liebenswert ist, und vor allem: Abschiednehmen von den hilfsbereiten, gastfreundlichen, offenen, interessierten, leicht verrückten und einfach lieben Menschen, die ich hier kennen gelernt habe. Man sagt ja immer, dass man auf jeden Fall zurückkommt, aber ob das später wirklich so klappt, ist ja eine andere Sache. Und das ist ziemlich traurig.

Die letzten Tage habe ich vor allem mit Abschiedsessen verbracht, und das geht gleich auch noch so weiter. Außerdem noch ein bisschen entspanntes Sightseeing: Vorgestern bin ich nach der Arbeit durch das älteste Viertel Tel Avis gelaufen, das sehr schön und verwinkelt ist und voll von kleinen Schmuck- und Keramikläden ist, und heute morgen haben Frank und ich an einer kostenlosen „guided walking tour“ teilgenommen, zum Thema „Bauhaus-Architektur“ in Tel Aviv. Hier stehen nämlich fast 5.000 Bauhaus-Gebäude, weswegen Tel Aviv auch zum Unesco-Welterbe erklärt wurde. Die Gebäude sehen zum Beispiel so aus (der rosa Teil ist original, nur der weiße Balkon wurde angebaut):



Jetzt packe ich gerade und räume mein Zimmer auf, und kann mir gar nicht vorstellen, dass mir weniger als 24 Stunden Israel bleiben. Die Zeit ging so schnell vorbei! Naja, bevor ich jetzt total trübselig werde, mache ich besser weiter. Beschäftigungstherapie. Gleich geht’s mit Liora und Frank noch zum Fisch-Essen in Jaffa, in ein Restaurant mit dem genialen Namen „Der alte Mann und das Meer“. Also, in diesem Sinne: Bis bald!

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Donnerstag, 15. Januar 2009
Neues aus dem "Kriegsgebiet"
Anlässlich der andauernden israelischen Bodenoffensive in Gaza und natürlich, weil ich oft auf das Thema angesprochen wurde, hier ein paar Bemerkungen zum Leben im "Kriegsgebiet Israel".

Wenn man einfach nur durch Tel Aviv läuft, ohne mit den Menschen zu reden, ohne die "chadaschot" im Bus zu hören und ohne einen Blick auf die Titelblätter der Zeitungen zu werfen, ahnt man: Nichts. Es gibt ein Sprichwort, das besagt: In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet, in Eilat ausgeruht und in Tel Aviv gefeiert. Auch wenn das ein bisschen pauschal ist, leben die meisten Menschen in Tel Aviv ihr Leben weiter, als ob nicht 50, 60 Kilometer weiter südlich gekämpft und gestorben würde. Aber warum auch nicht? Das Leben muss schließlich weiter gehen, insbesondere die (übrigens trotz der Keise überdurchschnittlich erfolgreiche) Wirtschaft muss aufrecht erhalten werden, und man sagt, erst, wenn Bomben oder Attentate Tel Aviv selbst erreichen, hat der Krieg das Herz Israels getroffen. Das ist bisher glücklicherweise nicht der Fall, und so leben wir hier in einer Blase: Weit genug weg von Gaza und Libanon, in einer lebhaften Stadt, in der die Menschen shoppen gehen, in Cafés und Bars sitzen und an sonnigen Tagen im Meer baden oder am Strand liegen. Auf den Straßen ist nicht mehr Polizei oder Armee als sonst zu sehen, die Eingangskontrollen in Einkaufszentren, Bürohäusern oder am Markt sind ebenso wenig gewissenhaft wie zuvor, und wenn ich an unseren Grillnachmittag denke, kommt mir die Situation in Gaza wie die in einer Parallelwelt vor. Der einzige Unterschied: Einige Autos haben, so wie in Deutschland während der WM, Israel-Flaggen an den Fenstern befestigt. Aber auch das hält sich sehr in Grenzen.

Andererseits habe ich doch einige Beispiele mitbekommen, an denen ich gemerkt habe: Es tut sich was, unter der Oberfläche. Nachdem die ersten Tage der Offensive im Büro weitgehend unkommentiert geblieben waren, ist die Stimmung langsam aber sicher schlechter geworden. Es wurde diskutiert über Chancen und Perspektiven des israelischen Einmarsches, über die Äußerungen von Hamas und Hisbollah, und worüber sich die Büromannschaft am meisten aufgeregt hat, war die europäische Berichterstattung über den Konflikt und die Reaktionen der Internationalen Gemeinschaft. Mittlerweile ist das Thema wieder weitgehend ad acta gelegt worden, weil es zum Alltag gehört wie zuvor der Raketenbeschuss der israelischen Siedlungen im Süden.
An den letzten Wochenenden hat öfters Lioras Schwester mit ihren Kindern bei uns geschlafen. Sie kommen aus einem kleinen Dorf im Süden, und vor ein paar Wochen ist ein Haus in ihrer Straße von einer Kassam-Rakete getroffen worden. Vor allem der psychische Druck scheint krass zu sein: Jade, die Tochter, musste erst mal kotzen, als sie hier angekommen war.
Bea und Grisha aus dem Büro haben erzählt, dass ihre Kinder Vertreungsstundenpläne aus der Schule mit nach Hause gebracht haben, weil einige Lehrer zur Armee eingezogen wurden. (in Israel sind alle Männer bis 45 Jahre Reservisten und müssen auch ein Mal pro Jahr einige Wochen lang zur Übung antreten. Die Frauen können sich leichter drücken, vor allem, wenn sie Kinder haben). Im Gegenzug scheint es ein Programm zu geben, in dem Kinder aus dem Süden in die Tel Aviver Region geschickt werden, weil sie hier sicher sind und zur Schule und in den Kindergarten gehen können.
Das letzte Beispiel stammt von Tal, meiner Tandempartnerin: Sie hat mir erzählt, dass bei ihr in der Uni einige Seminare ausfallen, weil viele Jungs und einige Mädels eingezogen wurden, und die Klassen nun so klein sind, dass sich der Unterricht nicht mehr lohnt.

Das sind natürlich alles Veränderungen, aber ich glaube, dass auch das in gewisser Hinsicht noch Normalität bedeutet, zumindest für die Leute in Tel Aviv. Es ist schließlich - so doof das klingt - nicht das erste Mal, dass sich Israel im Krieg befindet, und deshalb sind die Menschen das Prozedere gewöhnt. Und immerhin ist es momentan ja nicht so schlimm wie im Golfkrieg, als der Irak (?) tatsächlich auch Tel Aviv bombardiert hat und die Leute hier in Luftschutzbunkern saßen. Ich selbst fühle mich hier, toi toi toi, wirklich sicher und beobachte die Ereignisse eher mit Interesse und Neugier als verängstigt. Und frustriert, denn ein Ende der Gewalt, von beiden Seiten, ist ja nicht wirklich in Sicht.

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Dienstag, 13. Januar 2009
Verrückte Welt
Vielleicht fragt ihr euch, wie ich meinen Geburtstag verbracht habe (an dieser Stelle erst mal danke für die lieben Glückwünsche!). Ihr ahnt es bestimmt schon: Nicht wie sonst. Oder habt ihr schon mal im Januar auf einer Dachterrasse gegrillt?
Liora hatte vorgeschlagen, für meinen Geburtstag und schon mal wegen meines Abschieds in ein paar Tagen ein bisschen die Trauer zu vertreiben. Da wir Sonntags alle arbeiten mussten, haben wir den Geburtstag einen Tag vorgezogen und es uns am Samstag Nachmittag in wohligen Temperaturen oben auf dem Dach gemütlich gemacht. Naja, wir, das waren eher Liora und ich, denn die Männer (Carsten, Frank und Markus) sind ihrem Steinzeit-Trieb gefolgt und haben den Grill angezündet. Das Fleisch konnte, wie ihr seht, noch einen letzten Blick auf den romantischen Sonnenuntergang werfen, bevor es seinerseits auf den Rost geschmissen wurde.



Dann haben wir unglaublich viele Steaks, Spieße, Nudelsalat, Folienkartoffeln, Pita, Hummus, koschere Gummibärchen und Granatäpfel gegessen und mindestens ebenso viel israelisches Goldstar-Bier getrunken. Zu guter Letzt hat mir Liora sogar einen Geburtstagskuchen geschenkt, der dank der Äpfel, Orangen und des Zimts irritierend stark nach Weihnachten schmeckte. Ganz standesgemäß habe ich die Kerzen ausgepustet und mir etwas gewünscht, und nachdem wir den Wachs vom Kuchen abgeknibbelt hatten, haben sich alle noch ein Stück Kuchen reingezwängt. Nach dieser Völlerei war niemand außer Frank mehr in der Lage, noch mal rauszugehen, und somit haben wir die Geburtstagsfeier ein bisschen früh, aber entspannt und mit einem leichten Völlegefühl im Bauch beendet…

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Mittwoch, 7. Januar 2009
Reisebericht 2: Petra
So, weiter geht’s mit meinem Bericht! Dieses Mal haben wir uns nicht vom Taxifahrer abziehen lassen, im Gegenteil: Das Taxi stand beinahe pünktlich am vereinbarten Treffpunkt, wie haben einen halbwegs vernünftigen Preis gezahlt und Mohammed, der Taxifahrer, hat uns an einer ‚Tankstelle’ einen „welcome tea“ spendiert. Außerdem hat er sich selbst als tourist guide verstanden und uns auf der Fahrt Wissenswertes über die umliegenden Dörfer und die historische Straße, auf der wir zum Schluss gefahren sind, erzählt und auf den tollen Sonnenuntergang hingewiesen, den wir während der Fahrt genießen konnten. Das volle Programm also, und da er so nett war, hatten wir natürlich kein Problem damit, dass er kurz vor Wadi Moussa, wo wir übernachten wollten, bei sich zu Hause vorbei gefahren ist und seine Frau eingeladen hat, die er zu Verwandten in eben diesem Ort bringen wollte. Und so haben wir auch noch mindestens zwei seiner Töchter kennen gelernt, die anscheinend gemeinsam mit ihrer Mutter in einem kleinen Lebensmittelladen arbeiten. Die Töchter waren etwa zwischen 14 und 18 Jahren alt, trugen, wie alle jordanischen Frauen, Kopftücher und lange Mäntel, sprachen aber ebenso wie Mohammed erstaunliches gutes Englisch. Sie haben mich dann auch sofort angesprochen und wir haben ein paar Nettigkeiten ausgetauscht, soweit das zwischen Tür und Angel möglich war. So eine Offenheit, oder eher Ungezwungenheit, hatte ich gar nicht erwartet.
Unsere Absteige in Wadi Moussa, dem Vorort von Petra, war zwar einigermaßen schäbig und abgeranzt, kostete aber mit Frühstück nur zehn Euro pro Person und bot, ganz wichtig bei den Temperaturen: Warmes Wasser und Zentralheizung (die allerdings in der Nacht ausgefallen ist). Nach einem weiteren „welcome tea“, dieses Mal im Hostel, haben wir ein kleines Restaurant aufgetrieben – wir hatten außer einer kleinen Packung Kekse schließlich den ganzen Tag nichts gegessen. Deswegen waren wir so auf unsere gemischten Grillteller fixiert, dass wir nicht bemerkt haben, dass außer uns alle anderen Touristen nach und nach gegangen waren und wir alleine im Restaurant saßen – gemeinsam mit einem vor sich hin bollernden Gasofen, den irgendwer fürsorglicherweise direkt neben unseren Tisch gestellt hatte, und einer handvoll Araber, die sich am Nebentisch versammelt und erst mal eine Wasserpfeife angezündet hatten. Der Koch fühlte sich durch unser langes Verweilen offenbar geschmeichelt und hat uns einen kostenlosen „turkish coffee“ und einige Stücke „backlawa“ angeboten, süßes traditionelles arabisches Gebäck. Auch aufgrund der ansonsten ziemlich gesalzenen Preise haben wir natürlich nicht abgelehnt und sind anschließend müde und satt ins Bett gefallen.
Am nächsten Tag ging dann die große Sightseeing-Tour in Petra los. In die Stadt gelangt man durch eine mehr als einen Kilometer lange Felsschlucht, den so genannten „Siq“, die manchmal nur zwei Meter breit ist und einige Meter hoch. Ziemlich eng, wenn man sich den Weg mit einer riesigen Touristen-Menge teilen und außerdem ständig aufpassen muss, dass man nicht von Pony-Kutschen, Eseln oder Kamelen überrollt oder aus dem Weg geworfen wird. Die werden den Touristen nämlich alle paar Meter mit dem Wort „taxi?!“ angeboten, während kleine Kinder versuchen, Postkartenpakete an den oder die Europäer/in zu bringen. Ganz schön anstrengend, dieses Treiben, das der Lonely Planet treffend als „hard-sell“ bezeichnet. Trotzdem war es schließlich sehr beeindruckend, als wir am Ende des Siq angekommen waren und plötzlich vor der Front eines riesigen Tempels standen, der nicht etwa aus Steinen gebaut wurde, sondern vor 2.000 Jahren aus dem Felsen herausgehauen wurde:



Petra ist sehr weitläufig, man muss den ganzen Tag unterwegs sein, um alle Gräber und Ruinen zu sehen, und dann auch noch die ganzen Berge hoch und runter, alles in Eiseskälte… Ziemlich anstrengend. Es gibt nicht nur Gräber, sondern z. B. auch ein Theater, die Reste eines Marktes und einer römischen Straße und verschiedene Tempelanlagen, deren Bedeutung auch heute noch nicht feststeht. Das Dorfzentrum sieht so aus:



Das beeindruckendste Gebäude befindet sich allerdings ein bisschen weiter abseits, auf einem der höchsten Berge des Geländes. Es lohnt sich aber tatsächlich, die müden Beine noch einmal so richtig zu quälen und die mehr als 800 unebenen Stufen zu erklimmen, die einige Wagemutige auf Eseln herauf- und, was noch viel halsbrecherischer ist, wieder hinunter reiten. Denn zum Schluss erwartet einen dieser Anblick:



Dieses Bauwerk wird als „Monastry“ bezeichnet und ist 40 Meter hoch. Früher konnte man sogar bis auf die Spitze klettern, doch das ist verboten, seit vor einigen Jahren eine Touristin herunter gestürzt und gestorben ist. Ich glaube, auch bei diesem Tempel ist nicht ganz klar, welchem Zweck er eigentlich diente, es haben dort wohl religiöse Versammlungen stattgefunden oder so ähnlich. Tatsache ist jedoch, dass auch hier das gesamte Bauwerk aus dem Felsen herausgehauen wurde, was ich wirklich beeindruckend finde. Beeindruckend war allerdings auch, wie die von der Kletterei erschöpften Touristen oben am Berg – ihr ahnt es schon – einmal mehr übers Ohr gehauen wurden. Carsten und ich hatten schon wieder seit dem Frühstück früh morgens um halb acht nichts gegessen und sehnten uns danach, wenigstens eine Kleinigkeit in den Magen zu bekommen. Doch als die geschäftstüchtigen Herren für einen Bounty-Riegel mehr als zwei Euro verlangten, haben wir (leider nur sprichwörtlich) in den sauren Apfel gebissen und uns mit knurrenden Mägen auf den letzten Anstieg begeben, der zur „top of the world“ führte.



Dort hatte ein Jordanier ein Zelt aufgebaut, in dem er Schmuck und Tee und allerlei Touri-Zeug verkaufte. Bemerkenswerter als die Verkaufsgegenstände war allerdings der Verkäufer selbst, der, mit langen Haaren, Lidstrich unter und einen irren Blick in den Augen und einem Patronengürtel um die Hüfte (?!) aussah wie Jack Sparrows jüngerer Bruder. Ich habe kein Foto gemacht, weil der Typ, so wie er auf dem Berg herum gesprungen ist, sich offensichtlich selbst ziemlich toll fand und ich ihn in dieser Meinung nicht noch bestärken wollte. Letztendlich hat aber dieser merkwürdige Mensch die tolle Sicht ins Wadi Araba bis nach Israel nicht beeinträchtigt, und bei Einbruch der Dunkelheit hat er seine Siebensachen zusammen gepackt und ist von dannen gezogen. Wir haben dem eisigen Wind und der Kälte getrotzt und ungeduldig auf den Sonnenuntergang gewartet, der unsere Ausdauer ziemlich auf die Probe gestellt hat. Als die Sonne endlich weg war und einen wunderschönen abendroten Himmel hinterlassen hatte, sind wir verfroren und hungrig und manchmal ein bisschen orientierungslos in der Dämmerung den Berg herunter gestolpert und ins Wadi Moussa (Essen!) zurück gestiefelt. Ganz schön gruselig, so alleine im stockdunklen Siq, der manchmal nur durch ein bisschen Mondlich beleuchtet wurde…
Am nächsten Morgen hat Carsten mich zum Minibus nach Aqaba gebracht: Die Minibusse mit etwa 20 Sitzplätzen fahren immer morgens in Petra los, wenn die meisten Plätze besetzt sind, und das ist natürlich viel günstiger, als ein Taxi zu nehmen. In Aqaba musste ich dann nur noch fünf Minuten mit einem Taxi zur Grenze fahren. Es hat zwar alles gut geklappt, aber trotz meines Schals, den ich der Kälte wegen als Kopftuch zweckentfremdet hatte, und obwohl ich keinem Mann ins Gesicht geguckt und eigentlich alles um mich herum ignoriert habe, kam mir die Fahrt seltsam vor. So ganz alleine als weibliche Touristin in einem arabischen Land unterwegs zu sein hatte ich mir irgendwie weniger beklemmend vorgestellt. Insofern war ich erleichtert, als ich ohne Probleme die israelische Grenze überquert hatte und habe mich ein bisschen gefühlt, als würde ich nach Hause kommen. Da der nächste Bus nach Tel Aviv erst in eineinhalb Stunden losfuhr, konnte ich mich noch ein Stündchen an den Strand von Eilat setzen, und das war, angesichts der ganzen dicken, halbnackten europäischen und amerikanischen Pauschaltouristen doch im ersten Augenblick ein kleiner Kulturschock. Aber auch den habe ich überwunden, ebenso wie den letzten langen Abschnitt meiner Reise zurück nach Tel Aviv.

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Mittwoch, 7. Januar 2009
Interessanter Link
Unter diesem Link findet ihr einen interessanten Bericht über Tel Aviv, die "Oase der Verdrängung" in diesen Zeiten, auf Spiegel Online. Wen's interessiert. Den Reisebericht 2 gibt es dann ganz bestimmt morgen...

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Sonntag, 4. Januar 2009
Reisebericht 1: Wadi Rum
Hallo ihr Lieben, ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht. Bei mir war die Silvester-Nacht eher weniger erwähnenswert, da ich lange unschlüssig war und schließlich mit Markus, dem einen meiner beiden Mitbewohner, in die Stadt gezogen bin. Silvester wird hier nicht so doll gefeiert wie in Europa, da nach dem jüdischen Kalender ja noch gar nicht das neue Jahr beginnt. Trotzdem war ziemlich viel los in der Stadt, denn wie die Israelis nun mal so sind: Sie brauchen keinen speziellen Anlass, um zu feiern.
Erwähnenswerter ist hingegen meine Reise nach Jordanien, die ich auf Neujahr begonnen habe. Mehr oder weniger direkt von der Party, auf jeden Fall ohne Schlaf in den Knochen, bin ich in den Bus nach Eilat
gestiegen, der mich ans rote Meer ganz im Süden von Israel bringen sollte. Die Fahrtzeit von fünfeinhalb Stunden (Israel ist zwar schmal, aber ziemlich lang!) habe ich weitgehend dösend verbracht und so zum Beispiel den Ausblick auf das Tote Meer komplett verschlafen. Auf der Fahrt habe ich übrigens erstmals etwas von dem Krieg mitbekommen: Beer-Sheva, eine Studenten- und Arbeiterstadt in der Mitte der Negev-Wüste, ca. 40 Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt, war ziemlich menschenleer; dort waren wenige Tage zuvor Raketen eingeschlagen. Der Busbahnhof glich allerdings mehr einem Umschlagplatz für Soldaten, ganze Busladungen von Soldatinnen und Soldaten, voll ausgestattet mit Uniform und Gewehren, wurden ein- und ausgeladen. Ich denke, in friedlicheren Zeiten ist dort nicht ganz so viel los.
In Eilat habe ich mich mit Carsten getroffen, der seit fast einer Woche in Israel ist. Gemeinsam haben wir uns zur Grenze begeben, die fünf Minuten mit dem Taxi vom Busbahnhof in Eilat entfernt liegt. Ein- und Ausreise verliefen problemlos, anschließend haben wir uns von einem Taxifahrer übers Ohr hauen lassen, der uns für einen völlig überteuerten Preis ins Wadi Rum , nord-östlich der Grenze gefahren hat. Immerhin hat der Fahrer uns für den Fahrpreis entschädigt, indem er uns seinen Kumpel (Cousin/Bruder/etc…, irgendwie scheinen dort alle verwandt zu sein) Madallah empfohlen hat, der uns für einen „special price“ in einem seiner Beduinen-Camps aufnehmen werde. Mit einigem Zögern, doch vom preislichen Charme des Angebots überzeugt (das immerhin etwa halb so teuer war wie andere, offiziell im Tourist Center buchbare ‚Pakete’), haben wir uns darauf eingelassen und wurden diesmal positiv überrascht. Madallah hat uns in sein Haus gebracht, wo wir frierend und ohne Tee eine halbe Stunde gewartet haben, bis ein Beduine mit einem klapprigen Auto kam und uns, nun schon im Dunkeln, in die Wüste gebracht hat. Unser Nachtlager hat sich dann als winziges Beduinencamp entpuppt, in dem neben uns nur noch sieben andere Gäste waren: Fünf Franzosen und zwei Japaner. Im Hauptzelt haben wir endlich den ersehnten arabischen Tee bekommen, den ich noch vom Israel-Austausch her kannte: Schwarz, mit speziellen Gewürzen und mit seeehr viel Zucker gesüßt, der aus einer großen, in der Glut stehenden Kanne in kleine Gläser gegossen wird. Genau das, was wir in dem Moment brauchten, denn die Tatsache, dass wir uns in der Wüste befanden, sollte nicht über die Tatsache hinweg täuschen, dass es ar***kalt war und ein fieser eisiger Wind durch die Ritzen der Zeltwände wehte. Später gab es dann noch Abendessen, das wir im Kreis um das Lagerfeuer auf dem Boden sitzend gegessen haben: Reis mit einer Brühe aus Möhren, Tomaten und Zuchini und gegrilltes Hühnchen, dazu Fladenbrot. Einfach, aber sehr lecker. Als alle satt waren, haben die vier anwesenden Beduinen eine Trommel und eine Art Gitarre hervorgeholt und Lieder gesungen. Die Jungs waren ungefähr Anfang 20 und haben ziemlich viel gewitzelt und nebenbei mit einem Handy herumgealbert, so dass ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, dass die sich über uns lustig machten. Und wer weiß, was die in ihren Liedern gesungen haben! Offensichtlich hatten sie aber ihren Spaß und wir hatten Lagerfeuer-Romantik mit einem Schuss arabischer (Pseudo?-)Folklore dazu. Die anbrechende Nacht im Zelt bei Minustemperaturen hätte ich sicherlich nicht überlebt, wenn Carsten mir nicht heldenhaft seinen Polar-Schlafsack geliehen hätte, mit dem er schon in Grönland auf dem Eis gepennt hat. So aber sind wir gegen neun Uhr abends ins ‚Bett’, nachdem wir noch bis kurz vorm Erfrieren den unglaublich klaren Wüsten-Sternenhimmel bewundert haben. Wenn man sich jenseits der Zivilisation mitten in der Natur befindet, richtet man sich ja plötzlich wieder nach der Sonne…
Am nächsten Tag ging es nach einem ebenfalls einfachen, aber leckeren Frühstück auf in die Wüste. Wir hatten eine vier- bis fünfstündige Jeeptour ausgehandelt, bei der unser Fahrer, einer der Beduinen vom Vorabend, uns zu den sehenswertesten Steinformationen und den wenigen kulturellen Sehenswürdigkeiten bringen sollte. Wobei ‚Jeep’ ein ziemlich beschönigender Begriff für das klapprige 4-Weel-Drive-Gefährt ist, mit dem wir durch die Wüste gerast sind:



Natürlich gibt es dort keine geteerten, offiziellen oder wenigstens ausgeschilderten Straßen. Der Fahrer wusste offensichtlich genau, auf welcher Sandpiste er welchen Berg umfahren musste, und er kannte auch die meisten Bodenwellen auf der Strecke. Die meisten, aber nicht alle, und so hat der Wagen manchmal ganz schön gekracht, wenn wir auf unseren Sitzen hoch und runter gehoppelt sind. Das Auto hatte zwar Licht, aber keine Seitenspiegel, keinen Rückspiegel, die Sitzpolster und die Armaturen waren abgeblättert, diverse lose Kabel hingen in der Gegend herum, und das härteste: Der Fahrer hatte keinen Schlüssel, sondern musste das Auto immer per Kurzschluss zünden - wie im Film. Manchen Touristen war das offenbar zu abenteuerlich, und sie haben statt dessen die traditionelleren Fortbewegungsmittel gewählt:



Denn auch darüber sollte der Begriff ‚Wüste’ nicht hinweg täuschen: Es gab nicht nur uns im menschenleeren Wadi Rum, sondern ziemlich viele andere Touristen, die in anderen Camps untergebracht waren, und die die gleichen Sehenswürdigkeiten besichtigen wollten. Und so sieht man oben im Bild auf der Steinbrücke, auf die wir natürlich auch hochgeklettert sind, wie noch ein paar andere Personen ihr Unwesen treiben. Die anderen, das waren vor allem: Franzosen und Italiener. Keine Ahnung, warum, aber besonders die Franzosen scheinen neben ihrem Faible für Israel auch eine besondere Vorliebe für Jordanien zu haben. Sie waren wirklich überall, so dass wir zum Schluss beim Versuch, einen Berg zu besteigen, uns entgegen kommende Wanderer nicht mehr mit „hello“, sondern ganz selbstverständlich mit „bonjour“ begrüßt haben. Verrückt! Naja, ein paar deutsche Wortfetzen sind mir auch zu Ohren gekommen, aber komischerweise waren das dann immer Süddeutsche oder Österreicher. Ob es zu Reisezielen und den jeweiligen Touristengruppen wohl wissenschaftliche Studien gibt? Das würde mich wirklich mal interessieren. Gegen Ende unserer Tour wollten wir noch einen Berg besteigen, auf dessen Spitze sich eine natürliche Steinbrücke ähnlich wie die auf dem Foto oben befindet. Im Reiseführer wurde aber davor gewarnt, es ohne Guide zu versuchen, weil der Weg schwierig und nicht ganz ungefährlich ist. Wir haben es trotzdem versucht, doch als das Wandern in Freeclimbing überging und wir nicht einmal mehr den Weg gefunden haben, sind wir umgedreht. Dabei ist das unten stehende Foto entstanden, auf dem ihr sowohl mich als auch die Wüste sehen könnt, die ein bisschen wie eine Mondlandschaft aussieht.



Nachdem wir uns noch eine Oase angeschaut haben, sind wir zurück zum Eingang des Nationalparks gefahren und haben dort einen Taxifahrer aufgetrieben, der uns nach Petra gefahren hat. Das ist aber eine neue Geschichte, die ich morgen erzählen werde.

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Wadi Rum
Das gesamte Wadi Rum ist, glaube ich zumindest, ein Nationalpark, der aufgrund seiner landschaftlichen Schönheit eines der wichtigsten touristischen Ziele in Jordanien ist. Auf einer Höhe von über 800 Meter über dem Meeresspiegel erstreckt sich dort eine Steinwüste (vereinzelt mit Sanddünen) zwischen riesigen Felsbrocken und Gebirgen, die meisten davon aus rötlichem Gestein, das besonders im Sonnenuntergang rot strahlt und toll aussieht. Man kann dort klettern, wandern, auf Kamelen durch die Gegend reiten, bei Beduinen übernachten oder eine Jeep-Tour durch die Wüste machen. Außerdem sind neben interessanten Gesteinsformationen und sportlichen Aktivitäten an einigen Stellen auch alte Wandmalereien zu bewundern und das verfallene Steinhaus von Lawrence von Arabien kann ebenfalls betrachtet werden.

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Mittwoch, 31. Dezember 2008
Alle Jahre wieder?
Zwar kommt es mir vor, als sei das alles schon laaang wieder vorbei, aber ich möchte trotzdem kurz vom Rest meiner Weihnachtstage erzählen. Am ersten Weihnachtsfeiertag musste ich wieder arbeiten, abends bin ich dann nur noch mit meinen Mitbewohnern raus gegangen. Wir haben Billard gespielt und sind später in einer interessanten Kneipe abgesackt. Interessant deshalb, weil die Kneipe zu den Etablissements auf einer um die Ecke gelegenen Straße gehört, aus denen abends fast immer gute Musik herausschallt, vor denen aber unglaublich Furcht einflößend aussehende Türsteher geparkt sind. Deshalb hatte ich mich bisher nicht einmal getraut, einen Blick in eine dieser Kneipen zu werfen. Am Weihnachtsabend war das anders: Der Türsteher machte zwar ebenfalls keinen Vertrauen erweckenden Einfluss, aber immerhin tronte auf seinem Kopf – eine Nikolaus-Mütze! Da konnten wir gar nicht anders, als einen Blick hineinwerfen. Offenbar sind wir so in eine Chrisnukkah-Party geraten: Um die Theke herum saßen viele headbangende Menschen, von denen die Hälfte ebenfalls Nikolaus-Mützen auf dem Kopf hatte. Auf der Theke standen Sufkaniot-Stückchen, die man sich kostenlos nehmen konnte. Eine ziemlich komische Situation angesichts der harten Gitarrenmusik, die aus den Lautsprechern tönte, aber es hat Spaß gemacht und zur erfolgreichen Fortsetzung meines sehr anderen Weihnachten beigetragen!
Der zweite Weihnachtsfeiertag, an einem Freitag gelegen, war auch für mich frei. Ganz normal, wenn auch mit leichten Kopfschmerzen, habe ich auf dem Shuk ein paar Dinge gekauft (unter anderem etwa 30 Pitas für unglaubliche 25 Shekel, weil es ein kleines verbales Missverständnis mit dieser unverschämten Verkäuferin gab), und als ich nachmittags alleine zu Hause saß, kam Lioras Schwester in die Wohnung. Liora war bis gestern zehn Tage lang bei ihrer Tochter in London, und in dieser Zeit hat ihre Schwester, Galia, immer mal wieder nach dem Rechten geschaut. Sie sah mich also dort alleine sitzen und hat mich kurzerhand zum Shabbat-Essen eingeladen. Ich weiß nicht, ob ich das schon erzählt habe: Immer wieder Freitags Abends kommen hier die meisten Familien im Haus ihrer Eltern zusammen, um gemeinsam zu essen und bei einem Gebet den Shabbat einzuleiten. Ich habe natürlich nicht nein gesagt und bin mit Galia ins Haus ihrer Mutter am anderen Ende von Tel Aviv gefahren, wo dann neben ihrer Mutter auch ihr Bruder, ihre beiden Kinder Jade (19 Jahre) und Julian (16) und eine Freundin von Jade, Maya, eingeladen waren. Als ich im Türrahmen erschien, wurde einfach noch ein weiterer Teller auf den Tisch gestellt. Die Tatsache, dass ich als völlig Fremde an einem Familienessen an dem Familientag der Woche teilnahm, war offensichtlich für alle außer mir selbstverständlich, und ich bin herzlich begrüßt und willkommen geheißen worden. Und dabei war es ja nicht nur der Beginn des Shabbat, sondern auch noch der fünfte (?) Hanukkah-Tag.



So wurde vor dem Essen nicht nur kurz gebetet, der traditionelle Weinbecher, aus dem jeder einen Schluck nehmen muss, herumgereicht, und süßes Brot gebrochen und in Salz getunkt, sondern auch die fünfte Kerze angezündet – begleitet von lautem fröhlichen Singen, das nur kurz unterbrochen wurde, als sich einige Familienmitglieder über den Liedtext uneinig waren, und erst ein zerfleddertes Buch aus dem Regal holten, um den korrekten Text, dann auch noch begleitet von lautem Klatschen, zu wiederholen.
Das Essen war, wie immer, reichhaltig und lecker, und vor allem super nett. Galias Mutter konnte kein Wort Englisch, hat es aber trotzdem fertig gebracht, mich immer nett anzulächeln und zu fragen, ob ich noch ein bisschen mehr haben wolle. Galias Bruder, der nicht auf dem Bild zu sehen ist, hat schon auf der ganzen Welt gearbeitet und konnte besser Französisch als Englisch sprechen, und so haben wir uns auf Französisch unterhalten (nachdem er mich zunächst irrtümlich für eine Engländerin gehalten hatte, juchu!). Julian, Galias Sohn, war am gleichen Tag von einem viertägigen Pfadfinder-Ausflug in der Wüste zurückgekehrt, den er geleitet hatte, und dementsprechend wortkarg und müde. Maya (auf dem Foto ganz links) ist zur Zeit noch in der Armee, wo sie fotografiert. Wenn sie nicht im Dienst ist, darf sie trotzdem die Armee-Kamera benutzen, und deshalb fotografiert sie auch privat pausenlos. Sie hat uns einige Bilder gezeigt, und ich war ziemlich beeindruckt. Ich glaube, Jade ist auch in der Armee, und zwar in der Nähe des Gaza-Streifens, was natürlich nicht gerade schön ist in diesen Tagen. Insgesamt hat alles mehr als drei Stunden gedauert, und ich habe mich total wohl gefühlt. Ich frage mich immer, ob so eine unkomplizierte Gastfreundschaft auch in Deutschland möglich ist…



Falls ihr Nachrichten guckt, keine Angst: Hier in Tel Aviv kriegt man überhaupt nichts mit vom Krieg, es ist noch nicht einmal mehr Polizei- oder Armee-Präsenz als sonst auf den Straßen zu sehen. Deswegen gilt es jetzt auch erst einmal, noch eine kleine Silvester-Party aufzutreiben, obwohl die Israelis das ja nicht so feiern wie es in Europa und Co. üblich ist. Der jüdische Kalender eben.

Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch!

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Donnerstag, 25. Dezember 2008
Heiligabend in Israel
Und, wie habt ihr euren Heiligen Abend verbracht? Nachdem mich nachmittags auf dem Heimweg vom Büro doch tatsächlich ein kleiner Weihnachtsblues gepackt hatte, habe ich mich abends auf den Weg zu Flo gemacht. Flo (ganz rechts auf dem Foto) kommt aus Deutschland, hat eine zeitlang in der AHK an einem Projekt mitgearbeitet - daher kennen wir uns - und wohnt hier mit ihrem israelischen Freund, Guy (?), zusammen. Den hat sie kennen gelernt, als sie ein Jahr in Jerusalem studiert hat. Außer mir hatte sie noch ein befreundetes Päärchen eingeladen: Kate, eine jüdische Australierin, hat sie ebenfalls in Jerusalem kennengelernt, als die beiden zusammen im Wohnheim gewohnt haben. Und der israelische Freund von Kate… Naja, der wurde dann mitgeschleppt. Ihr wisst ja, wie das ist.



In dieser bunten Mischung – Deutsche, Israelis, Australierin sowie drei Juden, eine Evangelische und eine Katholische – haben wir dann ein ebenfalls buntes Weihnachtsessen und roten Wein genossen. Zumindest in diesem Punkt war mir die Abwechselung, einmal nicht zu Hause Weihnachten zu feiern, willkommen: Jedes Jahr Racelette wird halt doch irgendwann langweilig. Und so gab es in diesem Jahr: Gegrillte Auberginen-Scheiben, zwei Salate, in Zwiebeln und Pinienkernen gebratene Champignons und Baguette (Vorspeise), als Hauptgericht Süß- und Salzkartoffeln, Reis mit Zwiebeln und Mandelblättern (?), Bohnen mit Pinienkernen und Hähnchenschenkel mit einer Honig-Rosmarin-Kruste und zur Krönung die Nachspeise: Mit Puderzucker bestäubte Blätterteigrollen, die mit einer Sahne-Mascarpone-Creme und frischen Erdbeeren gefüllt waren. Und natürlich selbstgebackene Weihnachtsplätzchen zum Abschluss. Göttlich!
Der Abend war sehr nett, wenn auch nicht ganz so lang, da wir alle zum arbeitenden Teil der Gesellschaft gehörten. Je mehr lustige Dinge ich erfahren habe, umso mehr ist mein Weihnachtsblues verflogen. Kate hat zum Beispiel erzählt, dass sie jede Freundschaftseinladung in Facebook annimmt, weil sie mal Jugendgruppen betreut hat und ahnt, wie sehr es am Ego kratzen kann, wenn sie die Einladungen irgendwelcher ihr völlig unbekannter Jugendlicher, ablehnen würde. Sie möchte ja schließlich niemanden in den Selbstmord stürzen. Ihr Freund hat sich eigentlich nur für das Berliner Wetter im Februar interessiert, da er dann zum Talent-Wettbewerb der Berlinale eingeladen ist (er macht gerade seinen Abschluss in Filmwissenschaften oder so ähnlich). Und Flos Freund verteilt Wahlwerbung für die Labour Party, obwohl er selbst eine andere Partei wählt – er ist eben jung und braucht das Geld…
Ein Heiligabend der anderen Art war es auf jeden Fall, aber nicht unbedingt ein schlechter. Abgesehen vom Wetter. Als ich abends nach Hause gestiefelt bin hat es immer noch wie aus Kübeln gegossen und so stark gestürmt, dass mein schon auf dem Hinweg in Mitleidenschaft gezogener Regenschirm in kürzester Zeit in ein nicht mehr identifizierbares Drahtskelett verwandelt wurde. Die Israelis haben hier offenbar noch kein funktionierendes Wasserableitsystem errichtet, und so haben sich die Straßenrinnen in reißende, kaum überquerbare Flüsse verwandelt. Das zumindest ist auf Weihnachten in Deutschland und in Israel gleich: Man hat guten Grund, sich über das Wetter zu beschweren…

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Mittwoch, 24. Dezember 2008
Hanukkah vs. Weihnachten
Jetzt ist also Weihnachten. Ich habe mich lange gefragt, wie das wohl sein wird: Zum ersten Mal ganz alleine, und dann auch noch in einem Land, in dem Weihnachten gar nicht gefeiert wird. Ich merke aber, dass das - bisher - gar nicht so schlimm ist wie erwartet, denn von Weihnachten bekomme ich hier ziemlich wenig mit. Zum einen wegen des Wetters, das zwar immer schlechter wird (gestern gab es sogar eine Sturmwarnung für Tel Aviv), aber trotzdem nicht sehr winterlich ist. Zum anderen, weil alles andere fehlt, was sonst in jedem Jahr meine Hassliebe zu Weihnachten aufs neue belebt: Weihnachtsmusik in Kaufhäusern, Tannenbäume, beleuchtete Häuser und Straßen, Weihnachtsmärkte und natürlich die Leckereien: Spekulatius, Nikoläuse, selbstgebackene Plätzchen und Glühwein… Da es in Tel Aviv keine Kirchengemeinde gibt, kann ich nicht in die Kirche gehen, sondern bin heute Abend einfach bei einer Bekannten zum Abendessen eingeladen. Und tagsüber habe ich ganz einfach gearbeitet, so dass erst gar keine Weihnachtsgefühle oder –sentimentalitäten aufkommen können.

Außerdem müssen die Juden diese Jahreszeit natürlich auch nicht komplett ohne heilige Tage verbringen. Im Gegenteil: Hier wird Hanukkah gefeiert, das Lichterfest. Das heißt so, weil acht Tage lang an jedem Abend eine neue Kerze an der Menora (bzw. dem Hanukkiah), dem traditionellen jüdischen Kerzenleuchter, angezündet wird. Heute wurde im Büro darüber diskutiert, welches Fest „besser“ ist: Hanukkah dauert acht Tage, Weihnachten nur zwei, aber wenigstens sind über Weihnachten zwei Tage frei, während man an Hanukkah normal zur Arbeit geht, weil das Fest nicht zu den höchsten Feiertagen gehört. Kinder bekommen an Hanukkah kleine Geschenke, und in religiöseren Familien wird beim Kerzen anzünden auch gesungen und gebetet. Mein Eindruck ist aber, dass es sich hierbei, wie bei Weihnachten, vor allem um eine nette, weit verbreitete Tradition handelt. So zünden wir auch im Büro jeden Tag eine Kerze an, und gestern haben wir dazu „Sufkaniot“ gegessen, spezielles Hanukkah-Gebäck, das ziemlich genau das gleiche ist wie Berliner Ballen (bzw. „Pfannkuchen“ für die Berliner…). Ansonsten ist es üblich, die erleuchteten Kerzenständer vor die Türen und bei Anbruch der Dunkelheit in die Fenster zu stellen – das konnte ich aber noch nicht beobachten, geschweige denn fotografieren, da das Wetter im Moment so scheußlich ist und ich am liebsten gar nicht raus gehe. Deswegen seht ihr hier den Kerzenständer unserer jüdisch-orthodoxen Nachbarn, der jeden Tag mit einer Kerze mehr im Treppenhaus steht. Die feiern Hanukkah richtig intensiv, mit Familienbesuchen und Synagogengängen und vieeeelen Kindern...



Was an Hanukkah gefeiert wird? Jedenfalls nichts, was mit Weihnachten zu tun hat. Das Fest erinnert an die Einweihung des zweiten jüdischen Tempels – auf dem heutigen Tempelberg in Jerusalem – vor über 2.000 Jahren. Bei der Einweihung sollte die Menora entzündet werden, um dann ewig zu brennen. Jerusalem war aber vorher (mal wieder…) erobert worden, das Öl war nach dem Krieg knapp und reichte nur für einen einzigen Tag. Doch durch ein Wunder, so die Legende, war an jedem neuen Tag wieder genug Öl vorhanden, um die Kerzen im Tempel einen weiteren Tag brennen zu lassen. Nach acht Tagen hatten die Juden genügend neues Öl hergestellt, und das Wunder endete, ohne dass die Kerzen einmal verloschen waren. Ungefähr so haben es mir einige Leute erzählt, und so steht es auch bei wikipedia im Netz ;-)

Auch Hanukkah scheint übrigens ein „Fest der Liebe“ zu sein: Als sich gestern im Bus die hintere Hälfte des Busses gestritten hat (eigentlich haben nur eine alte Frau und ein alter Mann gestritten, aber der Rest der Menschen hat sich eingemischt), hat schließlich ein Mann gerufen „Haltet alle die Klappe, es ist Hanukkah“ – so oder so ähnlich, er hat natürlich Hebräisch geredet. In diesem Sinne: Euch allen frohe Weihnachten und schöne Feiertage!

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