Julia unterwegs
Samstag, 20. Dezember 2008
Update
Seit Uli weg ist, herrscht hier tote Hose ;-) Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber in der letzten Woche ist eher wenig passiert. Ich kann ja auch nicht immer unterwegs sein, sondern muss meine Pflichten erfüllen… Neu ist, dass ich jetzt zwei neue Mitbewohner habe. Der eine, Frank, ist schon vor zwei Wochen eingezogen, ist fast fertig mit seinem Jura-Studium und hat hier seine Wahlstation in einer Kanzlei, die sich vor allem mit Wirtschafts- und Staatsangehörigkeitsrecht beschäftigt, so wie ich das verstanden habe. Der andere, Markus, ist erst vorgestern angekommen, macht ein Praktikum bei der Heinrich-Böll-Stiftung und studiert Politikwissenschaft, Theologie und Philosophie in Tübingen. Jetzt haben wir hier einen Ostberliner, eine Westdeutsche und einen Schwaben friedlich in einer WG in Israel vereinigt, ist das nicht schön? Spaß beiseite, die beiden sind sehr umgänglich, mit Frank war ich schon ein paar Mal unterwegs und gestern Nacht haben wir zu dritt das Ende eines netten Abends auf unserer wunderbaren Dachterrasse begossen, von der ich noch unbedingt noch ein Foto machen muss.

Heute bin ich dann mit Frank ins Tel Aviv Museum of Art gegangen, weil das Wetter museumsreif grau war und ich außerdem das Gefühl bekomme, dass ich hier noch ein bisschen Kulturprogramm machen muss, bevor ich in knapp einem Monat schon wieder weg bin. Das Museum besitzt eine ziemlich große und vielfältige Sammlung, natürlich eine Menge klassische Gemälde von den ganzen Impressionisten und Expressionisten (Susanne, vergib mir!) wie Picasso, Matisse, Ernst, Chagall und wie sie noch so alle heißen, aber auch sehr viel israelische Kunst. Und, für alle Siegener: Ich habe sogar ein Gemälde von Peter Paul Rubens entdeckt! Am interessantesten fand ich die israelische Kunst: Neben Zeichnungen und Gemälden auch viele Schwarz-Weiß-Fotografien und einige Videoinstallationen. Die meisten Künstler haben sich in ihren Werken in irgendeiner Weise mit sich selbst und mit dem Staat Israel und dessen Entstehung auseinandergesetzt, und so ein starker Bezug auf eine Identität ist mir in noch keiner anderen Ausstellung, in Deutschland oder wo auch immer, aufgefallen. Das kann natürlich von den Kuratoren so bezweckt sein, aber mein Eindruck ist eher, dass die israelische und/oder jüdische Identität für viele - die meisten? - Menschen hier tatsächlich extrem wichtig ist, was sich anscheinend auch in der Kunst widerspiegelt. Wieder mal eine interessante Entdeckung. War das jetzt zu verworren?

Für Weihnachten habe ich noch immer keine Pläne: Ursprünglich hatte ich ja vor, nach Bethlehem zu fahren, daraus wird wahrscheinlich nichts, weil ich mir ja Urlaub nehmen müsste und den lieber für einen anderen Ausflug verwenden würde. Also werde ich wahrscheinlich zu einer deutschen Bekannten gehen, die hier mit ihrem israelischen Freund wohnt, ein großes Abendessen für einige Freunde kocht und mich dazu eingeladen hat. Das wird vielleicht komisch, vielleicht aber auch ganz nett, weil dann niemand eine große Sache daraus macht, dass Weihnachten ist. Wie auch immer, ich wird’s euch erzählen…

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Sonntag, 14. Dezember 2008
Im Norden
Freundlicherweise habe ich in der vergangenen Woche noch einen Urlaubstag bekommen, den wir genutzt haben, um nach Akko und Haifa zu fahren.
Akko liegt an der Küste ganz im Norden von Israel, keine 20 Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Sehenswert ist die Altstadt, die zum Unesco-Welterbe gehört und früher von den Kreuzfahrern als Basislager für den Einzug ins Heilige Land genutzt wurde. In der Altstadt leben fast nur Araber, in der Neustadt fast nur Juden, und im Oktober war es zu Ausschreitungen zwischen beiden Bevölkerungsteilen gekommen, nachdem ein Araber am Yom Kippur, dem wichtigsten jüdischen Feiertag, mit einem Mofa durch den jüdischen Teil der Stadt geheizt ist und daraufhin mit Steinen beworfen wurde. 2006 wurde die Stadt außerdem von der Hisbollah attackiert, aber all das wussten wir nicht und haben deswegen unvoreingenommen einen schönen Tag genossen. Die muslimischen Feiertage, wegen denen wir in Jerusalem nicht den Felsendom betreten konnten, waren immer noch in vollem Gange. Die Menschen mussten nicht arbeiten, sondern haben das schöne Wetter draußen genossen, überall waren kleine Karussells und Hüpfburgen aufgebaut, kleine Mädchen haben Luftballons, kleine Jungs Plastikpistolen und –gewehre geschenkt bekommen, und die etwas größeren Jungs haben ein irrwitzig gefährliches Ponyreiten veranstaltet, bei dem wir zwei Mal fast unter die Hufen von galoppierenden Pferden gekommen wären. Über allem tönte ziemlich laute arabische Dudelmusik, und da wir zwei offensichtlich die einzigen Touristen waren (und dann auch noch Frauen), sind wir – nach meinem Empfinden – manches Mal ziemlich komisch angeschaut worden.





Es war trotzdem wieder einmal sehr interessant, und ich möchte immer mehr auch über die arabische Kultur erfahren. Da ich hier vor allem mit Juden zu tun habe, bekomme ich nur deren Sicht und Wissen mit, wenn überhaupt, denn das ist kein gängiges Gesprächsthema. Und in Akko ebenso wie in Jerusalem wäre es hilfreich und spannend gewesen, mehr Hintergrundwissen zu haben. A propos Wissen: Auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt wussten wir zunächst nicht, in welche Richtung wir gehen sollten. Uli hat ein (arabisches?) Mädel angesprochen, das aber kein Wort Englisch konnte. Notgedrungen habe ich ihr unsere Frage nach dem richtigen Weg in gebrochenem Hebräisch gestellt, und siehe da: Es hat geklappt! Wir konnten uns sogar ein bisschen unterhalten: Ich habe erzählt, dass wir aus Deutschland kommen und später am Tag noch nach Haifa fahren wollen, und sie meinte, der Weg ist nicht so weit und sie läuft das jeden Tag zu Fuß. Ich war richtig happy, mein erstes Erfolgserlebnis auf Hebräisch! Das hat mich so motiviert, dass ich später noch die obligatorischen Falafel auf Hebräisch bestellt habe – leider konnte ich nicht verhindern, dass sie Uli eine riesige Portion Zwiebeln ins Pita-Brot gekippt haben, obwohl sie die doch gar nicht mag… Hier noch mal ein Blick auf den Hafen von Akko mit der Stadtmauer im Hintergrund.



Haifa ist eine halbe Stunde Bahnfahrt von Akko entfernt und liegt damit zwischen Tel Aviv und Akko ebenfalls an der Küste. Haifa ist die drittgrößte Stadt Israels, hat einen großen Container-Hafen und war früher vor allem eine Arbeiterstadt, was sich nicht besonders spannend anhört. Alle Israelis, denen ich von unserem geplanten Ausflug nach Haifa erzählt habe, haben mich dann auch gefragt, was ich dort wolle, dort gebe es nichts zu sehen. Ich glaube, ganz unrecht hatten sie nicht, mit einer Ausnahme natürlich: Den Bahai-Gardens, für die Haifa berühmt ist. Das sind ein riesige Gärten, die an Terassen am Hang des Mount Carmel angelegt sind, auf dem Haifa ursprünglich errichtet wurde. In der Mitte der Gärten steht der Bab-Schrein, in dem die Gebeine des Gründers der Bahai-Religion liegen. Diese Religion ist eine der jüngsten der Welt und klingt nach der Kurzbeschreibung im Reiseführer eher wie eine Hippie-Sekte, mit immerhin geschätzten sechs Millionen Anhängern in der ganzen Welt.



Natürlich wollten wir die Gärten besichtigen, doch da gab es ein Problem: Der Eintritt ist zwar kostenlos, aber man muss sich telefonisch anmelden. Das wussten wir vorher, und so haben wir am Abend vor unserem geplanten Besuch – ohne Witz – eine dreiviertel Stunde in der Warteschleife verbracht, um uns anzumelden, bis um kurz vor fünf eine automatische Stimme sagte, es beginne jetzt ein jüdischer Feiertag und wir sollten noch mal anrufen, wenn dieser vorbei sei. Das war natürlich Quatsch, und wir haben es am nächsten Morgen noch mal probiert, und haben nach erneuten zehn Minuten Warteschleife aufgegeben. Alles innerhalb der Öffnungszeiten des Büros, versteht sich. Eine richtige Besichtigung war also nicht möglich, andererseits war das aber letztendlich gar nicht si schlimm, da wir ziemlich spät bei Einbruch der Dunkelheit in Haifa angekommen sind und schon ziemlich platt waren. In den Gärten gilt es außerdem, mehrere tausend (?) Treppenstufen zu erklimmen, wozu wir ohnehin nicht in der Lage gewesen wären. Wir haben uns also nur noch in die einzige „U-Bahn“ Israels gesetzt und sind den Berg hochgefahren, um den Ausblick über Haifa bei Nacht zu genießen. „U-Bahn“ ist übrigens eine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für das Gefährt, das uns bergauf transportiert hat. Es besteht aus einer Linie mit vier oder fünf Stationen und einer einzigen asymmetrisch gebauten Bergbahn, weil es so steil bergauf geht. Übrigens bestehen einige Straßen in Haifa bloß aus Treppenstufen, weil es überall so steil ist. Dieses komprimierte Haifa-Programm hat uns dann aber auch gereicht, weil wir vom vielen Laufen der vergangenen Tage ziemlich müde waren. So sind wir nur noch den Berg herunter gefahren, haben uns in den Zug gesetzt und uns abends nur noch erholt. Muss ja auch mal sein.

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Samstag, 13. Dezember 2008
Die Reise nach Jerusalem
Die Uli ist (leider) wieder weg und ich habe eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel von unserer Reise nach Jerusalem. Dort sind wir am Freitag Abend mit einer Mitfahrgelegenheit, die gleichzeitig auch unsere erste Schlafgelegenheit war, nach Jerusalem gefahren. Elad, so hieß der nette Mensch, hat uns noch ein bisschen durch die Vorstadt kutschiert und uns die Präsidentenresidenz in seiner unmittelbaren Nachbarschaft gezeigt, aber da es schon dunkel und Uli um halb fünf morgens aufgestanden war, haben wir das Sightseeing für diesen Tag beendet, uns statt dessen bekochen lassen und einen gemütlichen Abend mit Elad und einem befreundeten Pärchen verbracht.
Am nächsten Tag haben wir uns dann aber nicht mehr geschont. Im Gegenteil. Es war zwar Shabbat, aber wegen der vielen Touristen und da große Teile der Altstadt arabisch oder auch christlich sind, war in Jerusalem die Hölle los. Wir haben uns mitten ins Gewühl gestürzt, uns trotz zweier Reiseführer inklusive Stadtplänen ständig verlaufen und es trotzdem geschafft, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu sehen. Dazu gehörten natürlich die Klagemauer, die Grabeskirche, die Via Dolorosa (siehe Foto),



die verwinkelten Straßenzüge des arabischen Marktes, die St.-Annes-Church mit verfallenen Gebäuden aus der Römer- und der Kreuzfahrerzeit im Garten, und und und. Da wir uns wirklich oft verlaufen haben und immer mal wieder vor bewachten Absperrungen standen, durch die wir nicht durchgehen durften, haben wir nicht nur die berühmten Plätze gesehen, sondern auch andere Ecken der Altstadt, was sehr interessant und manchmal überraschend war. Im arabischen Teil sah das zum Beispiel so aus:



Am Ende des ersten Sightseeing-Marathons am Samstag haben wir dann sogar noch den Wettlauf gegen die sinkende Sonne gewonnen, als wir auf den Ölberg gehetzt sind, um noch ein paar typische Touri-Fotos vom Ausblick auf Jerusalem zu schießen. Wie man sieht, hat das so gerade noch geklappt, anschließend mussten wir dann aber auch erst mal eine Pause einlegen und haben einfach den Sonnenuntergang beobachtet und den Blick auf das beleuchtete Jerusalem genossen.



In den beiden folgenden Nächten sind wir in einer kommunistisch-zionistischen (?!) Dreier-Jungs-WG untergekommen, was sehr spannend war. Lustigerweise war einer der drei ein Deutscher aus Leipzig, die anderen beiden hatten in Heidelberg ein Austauschjahr verbracht und somit waren alle froh, sich mit uns auf Deutsch unterhalten zu können. Die drei promovieren in den unterschiedlichsten Fächern (Computer Science, Assyrologie (oder so ähnlich, hat was mit Keilschriften übersetzen zu tun…) und Geschichte), aber nichtsdestotrotz wurde sowohl abends mit einem Glas Rotwein auf dem Balkon als auch morgens beim Frühstück leidenschaftlich und auf hohem Niveau über Politik diskutiert. Uli und ich haben dabei ganz neue Einblicke in die Konfliktlinien innerhalb der israelischen Gesellschaft erhalten und zum Beispiel erfahren, dass richtig orthodoxe Juden teilweise an der Seite der Palästinenser kämpfen, weil sie gegen den jüdischen Staat sind, da der Messias noch nicht gekommen ist. Das war alles extrem interessant, und nebenbei waren die Jungs tolle Gastgeber: Sie haben Abendessen gekocht (siehe unten), mir Kaffee spendiert, ein Bett für uns aus dem Keller in den zweiten Stock geschleppt und uns für zwei Tage ihr Wohnzimmer überlassen…



Am Sonntag haben wir es insgesamt etwas ruhiger angehen lassen mit den Besichtigungen, es stand vor allem mein persönliches Highlight auf dem Programm, der Besuch des Tempelbergs mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee. Der ist für Nicht-Muslime ohnehin nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, und wir hatten besonderes Glück: Am Sonntag hatte man nur eine Stunde lang die Möglichkeit, den Tempelberg zu erklimmen, bevor er für die kommende Woche komplett geschlossen wurde. Leider konnten wir wegen eines wichtigen muslimischen Feiertags nicht den Felsendom besichtigen, aber es hat sich trotzdem gelohnt. Ich hatte den Eindruck, es herrschte eine relativ ruhige, aber doch leicht angespannte Atmosphäre. Es waren insgesamt nur wenig Menschen auf dem Platz um die beiden Heiligtümer versammelt, im Verhältnis dazu relativ viele bewaffnete (aber faul in der Sonne sitzende) israelische Soldaten, wenig Frauen, aber einige Fußball spielende Jungs. Zwar sind wir kaum angequatscht und angestarrt worden, da wir uns wie vorgeschrieben „modest“ gekleidet hatten, und da der Zugang zum Tempelberg für Palästinenser strikt reglementiert und für gläubige Juden aus religiösen Gründen verboten ist, gab es auch nirgendwo Auseinandersetzungen. Aber ich hatte doch das Gefühl, wenn irgendetwas passiert, ist es gut, einen deutschen Pass zu haben und nicht etwa einen amerikanischen. Ich fand es wirklich sehr spannend und meine Neugier und gleichzeitig mein Unwissen erdrückend.



Am gleichen Tag haben wir noch einen uns empfohlenen Hummus-Laden in der Altstadt vergeblich gesucht, sind zur Knesset marschiert, haben uns eine alte Windmühle angeschaut und die „German Colony“, ein Stadtviertel, in dem einige von Kreuzrittern erbaute Häuser stehen und das jetzt zu einer Art In-Viertel mutiert. Abends sind wir mit Omri, unserem eigentlichen Gastgeber (oben rechts im Bild), und einem Freund von ihm was trinken gegangen. Am nächsten Tag haben wir, fußlahm von zwei kompletten Tagen bergauf und bergab laufen, beschlossen, dass wir vorerst die wichtigsten Dinge gesehen haben, und haben uns nur noch auf den mehrere Kilometer langen Fußmarsch zum Bahnhof begeben, um nach Tel Aviv zurück zu fahren. So konnte ich Uli nachmittags schon mal mit Tel Aviv bekannt machen, denn am nächsten Tag musste ich arbeiten und sie sich alleine beschäftigen. Über unsere Reise nach Akko und Haifa berichte ich dann im nächsten Eintrag.

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Freitag, 5. Dezember 2008
On the road again :-)
Ein letzter Blick auf Tel Aviv, bevor ich gleich zum Flughafen fahre und dann mit Uli für die kommenden vier Tage nach Jerusalem entschwinde...

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Sonntag, 30. November 2008
Die weiße Stadt
Nach dem Brotbacken mit Liora war mein Samstag noch nicht vorbei, aber ich habe es abends nicht mehr geschafft, den zweiten Beitrag zu verfassen. Ich bin nämlich nachmittags nach Jaffa spaziert; der Weg führt am Meer entlang und dauert von meiner Wohnung aus eine Dreiviertelstunde.
Jaffa ist eine mehrheitlich arabische Stadt, mittlerweile mit Tel Aviv verwachsen und besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. In der vergangenen Woche war ich bereits einmal kurz zum Falafel-Essen im neueren Viertel, das ein bisschen schmutzig und abgeranzt ist und mir durch die Horden von kleinen Jungs, die über die Straßen rennen, und große alte Autos, aus denen laute arabische Musik dröhnt, merkwürdigerweise das Gefühl vermittelt hat, mich mitten in Berlin-Neukölln zu befinden. Die Altstadt, in die ich mich dann gestern begeben habe, besteht schon seit mehr als 4.000 Jahren und gehört zu den ältesten Städten der Welt. Besonders der Hafen hat früher eine bedeutende Rolle gespielt, während er jetzt fast nur noch von heimischen Fischern und ein paar Ausflugsbooten genutzt wird.



So ziemlich alle Völker, die jemals an Eroberungen beteiligt waren und etwas auf sich hielten, haben früher oder später auch mal in Jaffa vorbeigeschaut: Jüdische Volksstämme, muslimische Volksstämme, Römer, Kreuzfahrer, Napoleon, das Osmanische Reich, und so weiter. Außerdem wurden an einigen Stellen archäologische Funde aus der Bronzezeit gemacht. Heute, wie gesagt, leben hauptsächlich israelische Araber hier, und an den Wochenenden ist die Altstadt ein Touristen-Magnet.
Ein Blick in die Stadt lohnt sich aber wirklich, es gibt dort ganz viele kleine Gässchen aus hellem Gestein (deshalb wird Jaffa auch als 'weiße Stadt' bezeichnet), die den Berg hinauf- oder hinunter führen, dazwischen kleine Goldschmiede- oder Malerateliers und viel versprechend duftende und vermutlich völlig überteuerte Restaurants und Cafés.





Das Wahrzeichen der Altstadt ist der Glockenturm, glaube ich. Er steht auf der Spitze Jaffas, und die dazugehörige Kirche sieht aus, als würde sie schon seit einigen Jahrhunderten den Ausblick aufs Mittelmeer genießen. Kurz darunter steht eine Moschee, von deren Turm pünktlich, als ich Jaffa wieder verlassen wollte, in der Abenddämmerung der Muezzin zu singen begann. Und weil ich finde, dass das Foto von Glockenturm und Minarett im Sonnenuntergang so schön friedlich aussieht, möchte ich es euch nicht vorenthalten

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Samstag, 29. November 2008
Der Ofen ist aus!
Hier in Tel Aviv herrscht ja insgesamt ein sehr westlicher Lebensstil, und man muss auf keine Annehmlichkeiten – fließendes Wasser, Elektrizität… - verzichten. Es sei denn, Julia hat die schlaue Idee, Ofenkartoffeln zuzubereiten. In der vorletzten Woche habe ich, nichts Böses im Sinn, den Backofen angeschaltet und nach fünf Minuten war die Wohnung dunkel. Zum Glück war Liora zu Haus und hat mir den Schaltkasten vor der Wohnungstür und alle Hebel gezeigt, die man aus- und wieder einschalten muss. Mein zweiter Versuch ist mit dem gleichen Ergebnis geendet und so ich habe halb scherzhaft, halb ernst zu Liora gesagt, dass ich nun nie einen Kuchen backen kann. Als ich am letzten Wochenende von den Spiegels nach Hause kam, stand ein nagelneuer, riesiger Edelstahl-Elektroofen auf der Anrichte – meine traurige Bemerkung hatte sich Liora offensichtlich sehr zu Herzen genommen…
Jetzt ist der Ofen ununterbrochen in Benutzung, glücklicherweise vor allem mit ihrem Essen; ich brauche also kein schlechtes Gewissen zu haben. Heute haben wir gemeinsam ein leckeres Brot gebacken, dessen Rezept wir ziemlich kreativ interpretiert haben. Wir haben von Vollkornmehl, Salz und Zucker, Eier und Backpulver über Nusscreme, diversen Körnersorten (Sesam, Sonnenblumen, Kürbis) und Cotton-Cheese bis hin zu Oliven und Rosinen alles in den Teig gekippt, das uns in die Hände gefallen ist, und das Ergebnis, das ihr auf dem Foto bewundern könnt, schmeckt (ich kann es selbst kaum glauben, wenn ich mir die Liste der Zutaten durchlese) fantastisch!!!

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Donnerstag, 27. November 2008
Im Osten nichts Neues
Falls ihr euch in der letzten Zeit gefragt habt, ob etwas passiert ist, weil ich nichts mehr schreibe, so seid beruhigt. Das Gegenteil ist der Fall, von den vergangenen zwei Wochen gibt es eigentlich gar nichts besonderes zu berichten. Hier eine kurze, unzusammenhängende Zusammenfassung:

Ich habe mir eine Tandempartnerin angelacht. Sie lernt seit einem Jahr Deutsch im Goethe-Institut und spricht schon fast fließend!!! Das ist total deprimierend! Sie nimmt die Sache sehr ernst und liest deutsche Bücher, sieht deutsche Filme und hört deutsche Musik. Gestern sind wir, auf der außerordentlich schwierigen Suche nach einem Parkplatz, 45 Minuten durch Tel Aviv gefahren und haben dabei Ich und Ich, Juli und die Ärzte gehört. Seltsam, seltsam.

Am vergangenen Wochenende habe ich noch mal die Spiegels besucht. Es hat so stark geregnet und gewindet, dass wir außer ausruhen und Hausaufgaben nicht viel gemacht haben. Freitags Abends haben Renana und ich uns mit zwei Freunden von ihr getroffen, und zwar in dem Laden, in dem wir vor vier Jahren beim Austausch unglaublich guten Kaffee Mokka getrunken haben. Dabei musste ich leider feststellen, dass früher tatsächlich nicht alles schlechter war als jetzt.

Apropos Essen: Das ist sooo gut hier. Humus mit Pita und Salat (siehe Foto), Falafel mit Pita, Jogurteis mit frischen Früchten, Schokoriegel mit flüssiger Schokolade in der Mitte, salziges Popcorn im Kino und vor allem Max Brenner, ein Laden, in dem es fast nur Gerichte aus Schokolade gibt (inklusive Schoko-Pizza) verführen mich zum pausenlosen Essen. Als wir uns heute in der Ulpan Beispielsätze mit „immer“ und „nie“ ausdenken sollten, habe ich gesagt „Ich will immer essen“. Ihr seht, die wichtigsten Dinge habe ich schon gelernt :-)



Apropos Ulpan: Heute war mein letzter Tag in der Sprachschule. Eigentlich bin ich froh, weil ich jetzt hoffentlich wieder mehr Zeit habe und morgens etwas länger schlafen kann. Heute war ich dann aber doch traurig, weil es der erste Tag seit langem war, an dem ich alles verstanden habe…

In den nächsten Tagen wird es aber hoffentlich wieder lebendiger auf dem Blog, weil ich mir am Wochenende Jaffa anschauen und will, weil am Dienstag mein erster neuer Mitbewohner einzieht und weil in einer Woche Uli kommt, mit der ich dann nach Jerusalem fahre. Bis dahin viele Grüße ins winterliche Deutschland!

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Freitag, 14. November 2008
Umzug, der zweite!
Sowohl zeitlich als auch geographisch gesehen bin ich dem Büro gefolgt und habe mir, weil ich ja so lange nicht mehr umgezogen bin, eine neue Unterkunft gesucht. Die Gründe: Das Zimmer ist etwas günstiger (wenn auch nur noch halb so groß, geschätzte sechs Quadratmeter, dafür aber mit einem breiteren und größeren Bett, auf dem meine Füße nicht mehr ins Leere ragen ;-)), Liora, die Vermieterin, ist jünger und etwas entspannter als Frau Mokotov, der Weg zum neuen Büro ist viel kürzer, meine neue Bleibe liegt näher am Meer (15 Minuten Fußweg) und vor allem in einer schöneren Gegend. Hier gibt es ganz viele Cafés, Kneipen und Restaurants, tolle Läden, bei denen mein Herz beim Vorbeigehen blutet, ein Sushi to go an der Ecke, das ich irgendwann unbedingt mal ausprobieren muss, einen kleinen Supermarkt daneben und vor allem ganz viele junge Menschen.



Mein Reiseführer leitet die Beschreibung des Viertels mit den Worten ein „Feeling beautiful? Join others who think they are too on Sheinkin Street“… Es herrscht jedenfalls eine interessante Atmosphäre und besonders an Freitagen ist hier die Hölle los, wie auf den Fotos zu sehen sein sollte.





Ein anderer Vorteil ist die Nähe zum Karmel Market: Von Sonntag bis Freitag gibt’s dort einen großen Markt („shuk“) mit wirklich allem zu kaufen, und vor allem Gemüse und Obst ist dort günstiger als im Supermarkt. Freitags gibt’s zusätzlich einen Künstlermarkt, auf dem vor allem Bilder, Kunsthandwerk und Schmuck verkauft werden.



Zwei Nachteile habe ich aber auch schon entdecken können: Erstens gibt es hier nicht immer heißes Wasser. Wenn tagsüber die Sonne geschienen hat, ist das kein Problem, denn das Haus verfügt über Solarzellen, die das Wasser erwärmen. Wenn man aber an einem regnerischen Tag oder am Morgen duschen möchte, muss man mindestens eine halbe Stunde vorher den Boiler anstellen. Gravierender ist das zweite Problem: Das Haus liegt direkt neben einer Synagoge, deren Gemeinde ziemlich aktiv zu sein scheint: Heute morgen wurde ich von einem Kinderchor geweckt, der später von einer Blaskapelle abgelöst wurde, und gerade eben ertönte ohne Vorwarnung laute Musik (ich dachte, Liora hätte das Radio angestellt) – ich vermute, das war eine Einladung, den Beginn des Shabbat zu begehen. Ich wusste bisher gar nicht, dass die Juden auch so etwas wie einen Muezzin haben. Wieder was gelernt!

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Mittwoch, 12. November 2008
Umzug, der erste...
Da ich das Unmögliche geschafft und mir im immer noch T-Shirt-warmen Israel eine Blasenentzündung geholt habe und deswegen mit einer Tasse Kamillentee im Bett sitze, habe ich ein noch mal ein bisschen Zeit für Berichte von hier. Auch, wenn eigentlich nicht so viel passiert ist. Ich habe mich ziemlich schnell in einen ziemlich strammen Alltagstrott bugsiert und werde mir bald selbst in den Hintern treten müssen, um loszufahren und das Land (und natürlich auch Tel Aviv) zu erkunden.
Von meinem Praktikum gibt es noch nicht so viel zu berichten. Die Büromannschaft besteht aus zwei Männern (der Chef Israeli, der Stellvertreter Deutscher, der aber schon mehr als der Hälfte seines Lebens in Israel lebt) und derzeit vier Frauen (eine Deutsche, die frisch zu ihrem israelischen Freund gezogen ist, einer Schweizerin, die schon seit 30 Jahren hier lebt und zwei Israelinnen). Die Atmosphäre ist extrem locker und familiär, es wird viel gelacht, fast noch mehr gelästert und manchmal gestritten, vor allem, wenn es um die letzten noch verbliebenen Schokoladenvorräte geht. Die schlimmste Anschuldigung, die mir bisher zu Ohren gekommen ist, lautete dementsprechend „Du hast bestimmt meine Trauben-Nuss-Schokolade gegessen, und das ist meine Lieblingssorte!!!“. War übrigens nicht an mich gerichtet. Zusätzlich zur eigentlichen Besetzung werden auch schon mal Kinder und Hunde mit ins Büro gebracht.
So abwechselungsreich das Arbeitsumfeld, so wenig spektakulär waren bisher meine Aufgaben. Die bestanden nämlich vor allem aus Umzugskartons packen packen packen, weil das gesamte Büro von Ramat Gan, eigentlich einem Vorort von Tel Aviv (vergleichbar mit Spandau als Vorort von Berlin…) direkt an den Strand und damit in eine ziemlich repräsentative Gegend gezogen ist. Als ich das erste Mal das neue Büro im 9. Stock betreten habe, hatte ich diesen Ausblick:



(Man beachte das Meer im Fenster) Genial: Wenn man sich beim Telefonieren mal wieder in einer ewig langen Warteschleife verwickelt hat, kann man Böötchen oder Kite-Surfer beobachten, und an fast jeden Tag gibt es einen wunderschönen Sonnenuntergang zu bestaunen. Aus dem ‚Sündenzimmer’ des Chefs, das so heißt, weil dort inoffiziell geraucht werden darf, hat man außerdem den direkten Blick auf den Glockenturm von Jaffa. Der Nachteil liegt auf der Hand: Schwindende Arbeitsmotivation und die steigende Lust, sich an den Strand zu legen bei dieser Aussicht.



Nochmal zu meinen Aufgaben: Nachdem wir mittlerweile die meisten Kartons wieder ausgepackt haben, darf ich jetzt mehr schriftliche Anfragen beantworten und tobe mich seit letzter Woche sogar am Telefon aus, um Termine für israelische Firmen auf einer Messe in Deutschland zu organisieren (da macht sich doch noch einmal meine Callcenter-Erfahrung bezahlt). Höhepunkte waren bisher eine Konferenz zum „Sustainable Environmental Development in Israel and Baden-Württemberg) inklusive Essen im Hotel, bei dem das 5-Gänge-Menü wesentlich erwähnenswerter war als die Tischrede von Ministerpräsident Oettinger. Außerdem ein Ausflug zu SAP Israel, die sich eine knappe Autostunde von Tel Aviv entfernt angesiedelt haben. Dorthin habe ich einen Geschäftsmann aus Thüringen begleitet und war auch dafür zuständig, dass er anschließend wieder sicher in seinem Hotel gelandet ist. Nebenbei habe ich einen interessanten Einblick in die Arbeit von SAP in Israel, vor allem aber über (kulturelle) Gemeinsamkeiten und Unterschiede der israelischen und deutschen Business-Welt aus Sicht des Unternehmens erhalten. Und zwar von beeindruckenden, ebenso kompetenten wie sympathischen SAP-Mitarbeitern.
Bis Ende November läuft ja noch der Sprachkurs und ich gehe nur halbtags zur Arbeit, deswegen ist das Resumée meines Praktikums hier schon am Ende angelangt. A propos Sprachkurs, da fallen mir gerade meine wieder unglaublich vielen Hausaufgaben ein, die ich noch erledigen muss :-(

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Dienstag, 4. November 2008
Ma sä?
Entschuldigt, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Schön blöd, wenn man erst großspurig einen Blog ankündigt und dann nichts schreibt. Der Grund dafür: In der vergangenen Woche hat mein Hebräisch-Intensiv-Kurs begonnen, dessen Bezeichnung („intensiv“) ich für leicht untertrieben halte.
Der Kurs findet fünf Mal pro Woche von 8:15 bis 12:50 (Uhr mit einer halben Stunde Pause) an einer staatlich anerkannten Sprachschule mit anscheinend ziemlich gutem Ruf statt. Den ersten Tag habe ich leider verpasst, weil man mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt hatte, dass der Kurs überhaupt existiert (Israel…). Am zweiten Tag war der Schreck erst mal groß: Die Klasse hatte schon ein Viertel des Alphabets gelernt, konnte schon einige Sätze sagen und vor allem: Die Lehrerin sprach – und spricht – in der Unterrichtsstunde ausschließlich Hebräisch. Im ersten Moment wollte ich fluchtartig den Klassenraum verlassen, aber da ich schon bezahlt hatte, bin ich sitzen geblieben und habe versucht, so viel wie möglich zu verstehen. Und angesichts der Tatsache, dass ich außer wenigen Wörtern gar kein Hebräisch konnte, wundert es mich schon, wie viel man durch Handzeichen, logisches Denken und viele Wiederholungen doch versteht. Ich habe also in den letzten Tagen viel Zeit damit verbracht, den Abstand aufzuholen und gleichzeitig die neuen Dinge zu lernen, denn natürlich ging es bisher im gleichen Tempo weiter. Nach einer knappen Woche Sprachschule sind wir jetzt schon in der Lage, das gesamte Alphabet (in Schreibschrift) zu lesen und zu schreiben, eine einfache Konversation zu führen und einige Verben zu konjugieren.
Wir, das sind: Etwa 15 Amerikaner, acht Franzosen und ein paar Zerquetschte (Schweden, Kanadier, Ukrainer, Russen, Ungaren, Italiener, Engländer, Belgier, Türken und meine Wenigkeit als einzige Deutsche). Die meisten sind unter dreißig und jüdische Einwanderer, die für den Rest ihres Lebens, zumindest aber für einige Jahre in Israel bleiben wollen. Und auch wenn Sarah, die Lehrerin, sich bemüht, jegliche Konversationen in anderen Sprachen zu unterbinden, herrscht in meinem Kopf ein ziemliches Durcheinander. Man unterhält sich ja doch manchmal, um Informationen auszutauschen, die über das hebräische Geplänkel à la "ich heiße, ich komme aus, ich wohne, ich spreche, ich trinke gerne Kaffee, morgen gehe ich in die Sprachschule..." hinausgehen.
Das alles ist wahnsinnig anstrengend, weil man die ganze Zeit hochkonzentriert sein muss, man wird nämlich ohne Vorwarnung aufgerufen, um vor der ganzen Klasse auf Hebräisch zu radebrechen. Das geht natürlich nur, wenn man das tägliche Pensum an Hausaufgaben und Nachbereitung (mindestens eine, eher zwei Stunden) auch einhält. Leider merke ich jetzt schon, dass mein Gehirn so langsam gesättigt ist… Aber es macht gleichzeitig riesig Spaß und das ist der Grund, warum ich weiterhin so motiviert bin und jetzt an den Küchentisch zurückkehren muss, um den restlichen Teil der Hausaufgaben zu erledigen…

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